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Das Comeback
von Eva Krusat

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Der perfekt pedikürte Fuß nähert sich in vollkommen geschwungenem Bogen seitlich meinem Kopf. Wie in Zeitlupe sehe ich die gepflegten Zehen mit den sorgfältig rot lackierten Nägeln Zentimeter für Zentimeter näher kommen. Jetzt, rasen meine Gedanken. Ich muss blocken! Den Arm hochreißen, Soto Uke! Und dann sofort die Hüfte eindrehen, und die andere Faust Gyakuzuki in Richtung Bauch …

Es begann mit einer diffusen Sehnsucht. Der Sehnsucht nach früher. Der Sehnsucht nach alten Gefühlen, nach der alten Liebe, dem alten Sport, mit dem man viele glückliche Jahre verbracht hatte, bevor man einander irgendwann überdrüssig geworden war. Karate. Damals ... Nackte Füße auf weichen Gummimatten, ein Gefühl so ganz anders als bestrumpft im pronationsgestützten Laufschuh. Weiße harte Baumwolle statt kuschelweicher atmungsaktiver Funktionsfaser in grellen Neonfarben. Damals, als es noch hieß „Wer trinkt, verliert!“ anstatt „Bloß nicht das Trinken vergessen!“. Eine andere Welt.
Aus Spaß habe ich meine alten Sachen aus der Truhe gekramt und bin zurückgekehrt. Ein kurzer Besuch schadet ja nichts. Nur mal schauen.

Erkenntnis Nummer eins: Diese weißen Anzüge haben durchaus Stil. Ich habe mich umgezogen, stehe vor einem der zahlreichen Spiegel und pose ein bisschen. Bauch rein, Brust raus. Nicht schlecht! Eine einnehmende Mischung aus Weisheit und Stärke. Kein Wunder, dass Vorzeigejudoka Putin sich gerne in der Klamotte fotografieren lässt.

„Ähem!“ Der Trainer reißt mich aus meinen Gedanken. „Können wir?“, fragt er mit diesem seltsamen Unterton und ich nicke ergeben und suche meinen Platz in der Reihe der demütig knienden Schüler. Das ist einfach. Ich schwarz, du braun. Los, mach mal ein bisschen Platz hier! Ich scheuche meine Nachbarin ungnädig zur Seite und drängele mich in die freigewordene Lücke. Erkenntnis Nummer zwei: Klare Hierarchien sind etwas unheimlich Befriedigendes, wenn man auf der richtigen Seite steht.

Dann geht es los. Wundervoll! Diese harschen, bellenden Kommandos. Wie habe ich das vermisst. Dummerweise ist in den letzten Jahren etwas mit meinem Gedächtnis passiert. Ich kenne die Worte, aber die dazu passende Bewegung will mir einfach nicht einfallen. Gut, dass ich bei meiner Nebenfrau abgucken kann. Ups, Drehung! Na, das muss einem doch gesagt werden. Dann irgendwas Geri. Das heißt Tritt. Moment! Rechtes Bein oder linkes Bein? Ich wähle instinktiv das Rechte, während meine Nachbarin das Linke hoch reißt. Mit einem dumpfen Geräusch krachen wir zusammen und sie japst hörbar. Sorry, entschuldige ich mich mit unschuldigem Gesicht, aber sie mustert mich nur finster und drischt weiter ihre Übungen herunter. Na, denke ich. Wer wird sich denn hier so haben? Mit ihrem braunen Gürtel sollte sie Schmerzen doch eigentlich gewohnt sein! Damals, als ich hier regelmäßig trainiert habe, da war das alles jedenfalls noch viel viel härter!

Dann sind wir warm. Der Trainer teilt Paare ein. „Lockerer Übungskampf“, sagt er. Und natürlich bekomme ich Miss Verbissen, die Tante mit dem grimmigen Blick. Wie der Racheengel persönlich bezieht sie Stellung. Was hat die bloß? Hallo? Kann ich den Partner wechseln? Die Frau hier mag mich nicht!

Aber schon ertönt das Kommando und mein Martyrium beginnt. Zack zack zack. Drei zu null. Für sie, nicht für mich. Okay, das war deutlich. Ich war halt länger nicht mehr hier. Kein Grund, zu verzweifeln. Ich gehe wieder in Stellung. Da war doch diese todsichere Kombination. Ich krame in meinem Gedächtnis. Und während ich noch überlege, nähert sich dieser perfekt pedikürte Fuß in vollkommen geschwungenen Bogen seitlich meinen Kopf. Ich muss blocken, denke ich noch. Soto Uke und dann Hüfte eindrehen und die Faust Gyakuzuki in Richtung Bauch. Dann wird es dunkel.

Als ich wieder zu mir komme, lehne ich an der Seite an einem Sandsack. „Das war ja ein Spitzen-Comeback!“, sagt mein Trainer mit vorwurfsvollem Unterton. Ich zucke mit den Schultern, während ich vorsichtig meinen geschwollenen Kiefer befühle. Was soll’s? Die Zeiten der direkten Konfrontation sind eh vorbei. Ich bin jetzt Läuferin! In Zukunft suche ich mein Heil in der Flucht. Das ist gesünder!