Als Louie ihr Herz verlor ...
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Louie und das Laufband
von Eva Krusat

Meine beste Freundin möchte Sport machen. Ich begrüße das; ich glaube, dass ein Mindestmaß an Bewegung das Leben bereichert. Leider zeigt sie sich uneinsichtig bis renitent gegenüber all meinen Versuchen, sie für das Laufen zu begeistern. Allein der Gedanke an Dauerlauf erzeugt bei ihr so viel Widerwillen, dass ich meistens ganz schnell das Thema wechsele.

Aber jetzt ist irgendetwas in ihrem Kopf passiert und sie möchte fit werden. Um das zu erreichen, hat sie sich in einem Fitnessstudio zu einem Probetraining angemeldet. Ausgerechnet! „Willst du nicht lieber laufen?“, locke ich. „Komm, wir fangen ganz, ganz langsam an. Das wird super ...“ „NEIN!“

Okay, ich bin ja schon still. Fitnessstudio. Super Idee! Mach du mal! In zwei Monaten sprechen wir uns wieder ...

Aber so einfach komme ich nicht davon. „Louie“, fragt diese Reinkarnation der Schweinehexe Circe mich mit zuckersüßem Augenaufschlag, „du kommst doch mit, oder? Alleine traue ich mich nicht!“

Ach nööö!!!, denke ich und grause mich. Muss das denn sein?

Tja, es muss. Freundschaft ist ein hohes Gut! Also stehe ich am verabredeten Tag pünktlich um 9.00 Uhr vor einem ziemlich großen Charlottenburger Wellness- und Fitnesstempel, voll mit Flachbildfernsehern und dauerbeschallt von dem Besten, was das aktuelle Hitradio zu bieten hat. Würde Dante noch leben, er hätte einen zehnten Höllenkreis allein für diese Art Etablissement erdacht, bin ich mir sicher!

Am Eingang begrüßt uns Jonathan, ein freundlicher weiß gekleideter Bursche, der meine Freundin sofort umflirrt und mit Charme und Witz nach ihrer sportlichen Vergangenheit auszufragen beginnt. Ich erfülle meinen Part, fletsche die Zähne und bleibe treu an ihrer Seite. Nicht, dass Jonathan noch auf irgendwelche dummen Ideen kommt.

Mit der Zeit muss ich mir aber eingestehen, dass sie sich mit dem netten Burschen prächtig amüsiert und meine Anwesenheit wohl nicht mehr nötig ist. Die beiden lachen und scherzen und keiner redet mit mir. Ich beginne, mich zu langweilen. Also beschließe ich, dass ich meine Kindermädchenstellung guten Gewissens aufgeben und mich ein bisschen umschauen kann.

Eigentlich wollte ich mich zurückhalten. Ich wollte quatschen, zuschauen, Begleiterin sein. Nicht mehr. Aber dann sehe ich ganz hinten zwischen den Cardiogeräten DAS LAUFBAND. Es ist schwarz und schon seine äußere Form verspricht Temperament, Rasanz und Rasse! Exkalibur! Ich bin noch nie auf einem Laufband gelaufen. Klar, beim Schuhkauf. Aber das waren 20 Sekunden unter Aufsicht auf einem alten Klepper. Das zählt nicht. Aber jetzt, heute und hier weiß ich, dass der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Das Gerät hat magische Anziehungskraft auf mich. Es ist perfekt! Ich vergesse alles um mich herum und trete vorsichtig näher.

Das mattschwarze Wunder ortet mein Interesse und erwacht sirrend zum Leben. Es checkt mich ab. Ich spüre den schonungslosen Blick, die Arroganz, die unter dem gewundenen Metall, den blinkenden Anzeigen und der nachtschwarzen Lauffläche hervorblitzt. Das wird nicht einfach, dämmert es mir, als ich zögerlich meine Hand an den Griff lege und meinen Fuß auf die Lauffläche stellen will.

Das Band gibt mir keine Sekunde, um mich auszubalancieren. Sobald mein Fuß das Gummi berührt, zieht es das Tempo hoch. Ich taumele, verliere die Balance und kann mich gerade noch an einem verwaisten Ergometer festklammern, um nicht unsanft auf dem Hintern zu landen. Höhnisches Surren. Ich verenge meine Augen zu schmalen Schlitzen. Okay! Wir spielen mit harten Bandagen! In Ordnung!

Beim zweiten Versuch bin ich vorbereitet. Ich nähere mich fast beiläufig an und gebe vor, das Fernsehprogramm auf einem der zahlreichen Flachbildschirme zu verfolgen. Dann springe ich mit einer gezielten Bewegung mitten auf das Band. Die linke Hand umklammert den Griff und – Yeehaw!!! – , ich bin drauf! Das Laufband surrt zornig auf und zieht die Geschwindigkeit hoch. Ich wechsele von null auf hundert und befinde mich in einem Totalsprint. Ich renne um mein Leben und das Band gibt alles. Es bockt und ruckelt, wechselt das Tempo und versucht mit aller Macht, mich abzuwerfen. Ich kämpfe um mein Gleichgewicht und um meine Lungenfunktion und drücke dabei wie verrückt auf den Anzeigen vor mir herum, um dieses Band unter meine Kontrolle zu bekommen. Als Reaktion ertönt ein infernalisches Surren und das technische Teufelswerk schaltet höhnisch die Steigung dazu.

Killer! Das ist ein Kampf Frau gegen Maschine. Der Terminator ist ein Wickelkind gegen dieses Gefährt! Ich kann richtig spüren, wie meine Kraft nachlässt. Noch ein paar Sekunden, mehr habe ich nicht, um dieses Gefecht für mich zu entscheiden. Ich sehe mich schon wieder in dem Ergometer hängen, diesmal allerdings aus vollem Lauf heraus. Aua! Ich bin schon fast so weit, dass ich überlege, dem Teufelsband den Sieg zu überlassen. Nur: Wie komme ich von diesem Mistding wieder runter, ohne mir den Hals zu brechen?

Beim Grübeln bemerke ich, dass sich das Tempo verringert. Anscheinend hat der Dominanzkampf nicht nur bei mir Spuren hinterlassen. „Christine“ und ich belauern uns gegenseitig und pendeln uns auf eine flotte Laufgeschwindigkeit ein. Nicht wirklich entspannt, aber ich sehe wieder Licht.

Verbissen-trotzig setze ich einen Fuß vor den anderen. Verbissen-trotzig hält das Band das Tempo. Irgendwann, eine verbissen-trotzige Ewigkeit später, beschließe ich, dass ich jetzt runter kann, ohne mein Gesicht zu verlieren, und drücke auf Stop. Fast zärtlich verringert das schwarze Gummi unter meinen Füßen die Geschwindigkeit. Ich bleibe misstrauisch, bis ich wieder festen Boden unter meinen zitternden Beinen habe.

Ein letzter Blick. Das Band glänzt harmlos im Neonlicht. Die Anzeigen blinken unschuldig. Ich wende mich ab. Ich bin klatschnass. Meine Haare hängen in Strähnen vom Kopf, irgendwann hat sich der Zopf gelöst, ich habe es am Rande registriert.

„Was ist denn mit dir passiert?“, fragt meine Freundin mich entsetzt, als ich die Treppe zu ihr hinunterstakse. Auch Jonathan wirft mir besorgte Blicke zu. Ich schüttele nur still den Kopf. Manchmal ist es besser, die Wahrheit zu verschweigen!


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