>> Als Louie ihr Herz verlor ...
Louie und das Laufband
Maskuline Selbsteinschätzung
Weihnachtsfreude
Schuld und Sühne
Das Comeback
Du bist Griechenland
Der Punk und das Mädchen
Feind läuft mit
Auf Entzug





Als Louie ihr Herz verlor ...
von Eva Krusat
Louie - die Großstadtgazelle - Nr. 3 - 12/2011

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden belebenden Blick ... Dabei zeigt der Kalender mitnichten Ostern, sondern gerade mal Dezember. Heute scheint die Sonne in solch vollendeter Pracht, als hätte eine höhere Macht höchstpersönlich eingegriffen, um alle Anflüge von vorweihnachtlicher Besinnlichkeit zu sabotieren. Warm ist es und mild. Ich verdränge alle dunklen Gedanken in Richtung Klimawandel, greife in die Sommergarderobe und mache mich auf den Weg.

Im Wald ist es traumhaft. Die Vögel jubilieren, das Volk flaniert und überall ist helle Freude. Hier schnäbelt ein Kohlmeisenpärchen, dort jagen sich zwei Eichhörnchen wild keckernd den Baum hinauf und ganz hinten auf der Wiese sehe ich zwei Rehe, nein, ein Reh und einen Hirsch. Ups, oh, das ist wohl privat ...

Vergnügt trabe ich den Pfad entlang. Witzig, wie diese Tierchen funktionieren. Ein bisschen Sonne und schon knallen die Hormone. Gut, dass wir Menschen da aus anderem Holz geschnitzt sind.

Lautes Rufen reißt mich aus meiner Kontemplation. Was ist den jetzt los? Ein Überfall? Vorsorglich schnappe ich mir einen dicken Ast von der Seite und gehe in Gefechtsstellung. In Großstädten weiß man ja nie!
Aber es sind mitnichten irgendwelche Grunewalder Jungkriminellen, die die Spaziergänger verschrecken, nein. Die Quelle des Radaus entspringt den Kehlen vier grell gekleideter Radfahrer, die auf modderbesudelten Carbongestellen über den unebenen Pfad hoppeln.

Ich mache einen Schritt zur Seite, um eine Kollision zu vermeiden. Radfahrer. Pffff! Technokraten! Hedonisten im Strampelanzug! Wenn die beim Fahren noch so fröhlich quatschen können, dann kann es ja so anstrengend nicht sein!

Und dann passiert es. „Guten Morgen!“, höre ich, blicke nach oben und die Zeit bleibt stehen! Wie ein Blitz trifft mich der Blick aus den hinter der farblich auf den Rest der Kleidung abgestimmten Radsportbrille verborgenen Augen. Dieses Lächeln! Luft entweicht meinen Lungen, meine Knie werden Quark. Irgendwo ganz weit weg registriere ich das panische Piepsen meines außer Kontrolle geratenen Herzfrequenzmessers. Guten Morgen hat er gesagt! Ich muss jetzt antworten, sonst denkt er, ich bin unfreundlich oder dumm oder beides. „Hallo“, kiekse ich und schnappe dabei nach Luft wie ein unversehens auf dem Trockenen gelandeter Karpfen. Dann ist der Augenblick vorbei, die radelnde Horde verschwunden und ich bin wieder allein.

Beim Weiterlaufen bekomme ich die Szene nicht aus dem Kopf. Ob er wohl hier öfters fährt und ich ihn wieder sehen werde? Er ist ein Radfahrer. Die Armen sind wetterscheu! Und der Winter hat gerade erst angefangen. Was ist, wenn er jetzt, anstatt im Wald zu fahren, im Keller auf einer dieser Rollen strampelt? Vor meinem geistigen Auge entsteht ein Bild. Er, ganz allein, eingeklemmt zwischen Wäschetrockner, Werkzeugkiste und verstaubten Konserven, mit Blick auf die rohe Ziegelwand, strampelnd, ohne Pause, ohne Ablenkung, gefangen in der immer selben Monotonie, bis irgendwann, zu den Iden des März, der erste sanfte Sonnenstrahl durch das kleine staubige Fenster dringt. Ich sehe, wie er den geschwächten Kopf heben, den Staub von seinen Schultern klopfen und den Beinen befehlen wird, endlich einzuhalten. Bleich und hager wird er die Treppen hinaufstolpern, sein Gesicht der jungen Frühlingssonne zuwenden und das Leben wird in seinen vertrockneten Körper zurückkehren. Dann wird er wieder mit seinem Rad in den Wald fahren. Aber März ..., das sind noch drei unendliche Monate ...



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