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Maskuline Selbsteinschätzung
von Eva Krusat

www.grossstadtgazelle.de

„Klar, ich kenne mich aus!“, habe ich vollmundig getönt, als mein Bekannter Matthias mich angesichts des immer schmaler werdenden Pfades unter unseren Füßen etwas unsicher fragte, ob ich wirklich noch wüsste, wo wir uns befinden. Das ist nicht mal gelogen. Wir sind im Grunewald, westlicher Stadtrand Berlin. Irgendwo zwischen Havelchaussee und Krumme Lanke. So viel ist sicher. Insofern alles gut!

Ich werfe einen besorgten Blick auf den hinter mir trabenden Mann. Er sieht gar nicht gut aus. Der Kopf hat trotz des recht moderaten Tempos die Farbe einer Tomate, die Haltung wirkt seltsam verkrampft und der Schweiß läuft in Strömen. Ich bin kein Empathiewunder, aber irgendetwas sagt mir, dass er sich auf seine Frage eine eindeutige Aussage im Sinne von: „Noch hundert Meter und dann links. Dann sind wir zurück am Parkplatz“, gewünscht hat. Leider habe ich keine Ahnung, wie weit es bis zum Parkplatz noch ist. Um ehrlich zu sein: Ich bin mir noch nicht mal sicher, ob wir überhaupt in die richtige Richtung laufen. Irgendwo unterwegs habe ich die Orientierung verloren. Das passiert mir im Wald ständig, normalerweise kalkuliere ich das ein und komme am Ende doch immer irgendwo raus, wo ich mich wieder auskenne.

Diesmal allerdings habe ich extra eine Strecke gewählt, die ich zu kennen glaubte wie den Weg von meinem Bett ins Badezimmer. Diesmal habe ich nämlich Matthias dabei. Matthias ist die einzige Person, die ich kenne, die auch laufen geht. Und das schon deutlich länger als ich und mit viel viel mehr Wettkampferfahrung. Wir haben festgestellt, dass wir in zwei Wochen denselben Halbmarathon laufen werden und irgendwie kamen wir auf die Idee, doch einfach mal eine Runde zusammen zu drehen. Tja. Nett hätte das werden können. Aber leider kommen hier zwei unglückliche Umstände zusammen:

a) Matthias ist nicht halb so fit, wie ich aufgrund seiner eigenen Aussagen angenommen habe.
b) Der Wald hat in seinem Sinne für absurde Komik mal wieder die Wege umgelegt.

Jetzt kurven wir schon seit geraumer Zeit durch die grüne Hügellandschaft, aber anstelle des breiten Weges, der uns zurück zu unserer Ausgangsposition bringen soll, passieren wir nur einen Wildpfad nach dem anderen. Wenn ich wenigstens wüsste, ob es in die richtige Richtung geht.
Wieder ein Hügel, dahinter wieder nur Gebüsch anstelle des ersehnten Weges. „Ist nicht mehr weit“, tröste ich Matthias. Der ächzt nur leise.

„Was, wenn er jetzt hier umkippt?“, frage ich mich sorgenvoll. Ich addiere sämtliche Risikofaktoren, die ich bei Matthias auszumachen glaube, und bekomme Panik. Im Geiste sehe ich mich mithilfe meiner Schnürsenkel aus dicken Ästen einen Schlitten bauen, um Matthias quer durch den Wald zur Straße zu schleifen. Wie erkläre ich das seiner Freundin? Und warum zum Henker meldet er sich für einen Halbmarathon an, wenn er mir hier nach zehn hügeligen Kilometern schon zusammenbricht? Ist das der Unterschied zwischen maskulinem und femininem Selbstbewusstsein, frage ich mich. Und etwas abstrakter schlussfolgernd: Ist das jenes Phänomen, auf das Arbeitspsychologen anspielen, wenn sie Gehaltsdifferenzen und Beförderungsmuster bei Männern und Frauen zu erklären suchen?

Irgendwann bittet Matthias dann doch um eine Gehpause. Wir bremsen. Um von der leichten Peinlichkeit des Augenblicks abzulenken, frage ich ihn nach seiner Arbeit aus. Er ist Anwalt in einer Berliner Großkanzlei, was mein fatalistisches Selbst ohne Überraschung registriert. Matthias referiert und ich bemühe mich, kluge und aufmerksame Fragen zu stellen, während ich aus den Augenwinkeln nach bekannten Wegmerkmalen suche. Nicht, dass er mich später noch verklagt!

Schließlich finden wir ihn dann doch. Erst den Weg und dann den heiß ersehnten Parkplatz. Matthias ist blass, wirkt aber nun nach Ende der Strapazen angesichts der 13 Kilometer auf seiner Uhr deutlich zufrieden. Ich winke ihm, laufe weiter Richtung Heimat und freue mich über den neu entdeckten Weg. Natürlich wird er beim nächsten Mal schon nicht mehr da sein oder ganz woanders hinführen, aber ich bin zuversichtlich, dass ich den längeren Atem habe und dem Wald irgendwann die Optionen ausgehen werden.