Als Louie ihr Herz verlor ...
Louie und das Laufband
Maskuline Selbsteinschätzung
Weihnachtsfreude
>> Schuld und Sühne
Das Comeback
Du bist Griechenland
Der Punk und das Mädchen
Feind läuft mit
Auf Entzug
Louie - die Großstadtgazelle - 9/2011
Schon beim Loslaufen war mir klar: Ich hätte diesen Kaffee nicht trinken sollen. Und den Kaffee davor. Und das Glas Wasser, das ich nur getrunken habe, um den Kaffee runterzuspülen. Und dann war da noch dieser Hippie-Gewürz-Tee. Ganz furchtbares Zeug! Ich bin erwachsen. Natürlich wusste ich, dass es sich rächen würde, aber manchmal tut man Dinge, obwohl man ganz genau weiß, dass sie später ungünstige Folgen haben können. Andere Menschen fälschen ihre Doktorarbeiten oder beginnen im fortgeschrittenen erwachsenen Alter als Politiker Affären mit jungen Mädchen, ohne sich von den möglichen Konsequenzen schrecken zu lassen. Mmmm, wenn ich es mir so recht überlege, ist mein Kaffee tatsächlich ein ziemlich harmloses Beispiel ...
Trotzdem: Die Strafe folgt auf dem Fuß. Heute ist mein langer Lauf und seit über zwei Kilometern muss ich dringend aufs Klo. Wirklich dringend. Leider befinde ich mich mitten in der Stadt, noch dazu im absolut In-die-Ecke-pinkel-feindlichen-Edel-Viertel. Das bedeutet, die gepflegten Vorgärten, die ein kleines bisschen Intimsphäre versprechen, sind umgeben von mannshohen Eisenzäunen und aus allen Winkeln kamerabestückt. Keine Chance, sich hier zu erleichtern. Vermutlich würde ich erschossen, bevor ich den ersten Busch erreiche. Und paula-mäßig einfach auf die Straße ... das wage ich nicht!
Links ein kleiner Park. Ob das die Erlösung ist? Es muss, auch wenn die Bedingungen alles andere als ideal sind. Kleine Kinder und Omas überall. Aber egal. Es geht einfach nicht mehr. Also suche ich mir das dichteste Gestrüpp und versuche, mit der Umgebung zu verschmelzen. Nicht einfach, wenn man ein neongrünes T-Shirt anhat. Und schon hat eine Oma mich erblickt. “Junge Frau”, fängt sie höflich an, mich zu belehren. “Haben Sie nicht bemerkt, dass es sich hier um einen Park handelt und nicht um eine öffentliche Toilette?” Ich pinkele schneller. Omas Gespräch mit dem Busch zieht die Aufmerksamkeit anderer Passanten an und ich möchte ungern Gegenstand einer allgemeinen Diskussion über Benimmregeln werden. Kaum fertig, flitze ich unter Omas vorwurfsvollem Blick davon. Teufel auch!
Leider war es nicht das letzte Mal auf dem heutigen Weg. Schon zwei Kilometer weiter spüre ich erneut Druck auf der Blase. “Der Gewürztee!”, durchzuckt es mich. Aber glücklicherweise weiß ich: Gleich bin ich im Wald. Ungestörtes Grün. Genug Bäume für alle. “Das Brünnlein rinnt und rauscht, wohl unterm Holderstrauch ...”, summe ich in stiller Vorfreude, während ich todesmutig und unter lautem Gehupe über die vierspurige Clayallee sprinte, die mich vom Berliner Naherholungsgebiet trennt.
Im Wald allerdings ist heute kaum ein Durchkommen. Kindergartengruppen, Walker und Hundesitter haben sich abgesprochen, um mir das Leben schwer zu machen. Zudem ist der Berliner Forst zumindest an den äußeren Rändern nicht wirklich blickdicht. Da ich mir erneute Belehrungen ersparen möchte, kneife ich die Beine zusammen und trabe weiter, bis ich endlich, endlich in den ungestörteren Regionen angekommen bin. Unterwegs passiere ich zweimal ungeniert gegen Bäume pieselnde Männer, was bei mir heftige Überlegungen bezüglich meines eigenen Schamgefühls hervorruft. Aber ich gestehe mir ein: Mein Muss-das-denn-sein-Gefühl entspringt zumindest heute und hier dem puren Neid.
Endlich weichen die Massen und ich bin alleine. Geschafft. Ich trample drei Meter Gestrüpp nieder und lasse mich erleichtert sinken. Entkrampfen. Was für ein Gefühl. Plötzlich der Schreck. Hat der Stein da bei dem kleinen Busch sich gerade bewegt? Ich schaue genauer hin und Grauen überfällt mich. Es ist gar kein Stein, der da unschuldig in der Gegend liegt. Etwa vier Meter neben mir liegt ein ausgewachsenes Wildschwein. Und weil es sich gerade bewegt hat, kann ich davon ausgehen, dass es wach ist. Schneller, schneller, sporne ich meine Blase an, während ich das Vieh mustere. Himmel, so aus der Nähe sind die Viecher wirklich riesig! Unterdrückte Gedankenfetzen durchzucken mein Hirn. Joggerin beim Pinkeln von Wildschwein erlegt! Dazu ein Bild von meinem blanken Hintern mit Hufspuren darauf. Privatmedien kennen keine Gnade!
Zu meinem Glück kennt das Schwein Erbarmen und macht sich just in diesem Moment des allergrößten Grauens im Schweinsgalopp davon. Ja! Recht so! Sieh ein, wer hier das Sagen hat, du seelenlose Kreatur der Wildnis! Zittere vor der Krone der Schöpfung, dem Homo Sapiens Femina Currens! So, jetzt aber schnell weg hier. Wo eins ist, sind vielleicht noch mehr. Die Röcke gerafft und ab. Und das nächste Mal weniger trinken, bevor es raus geht. Und keine Doktorarbeiten mehr fälschen!
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